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„Vor der Wahl“ – Unser CVJM im Superwahljahr 2017

„Vor der Wahl“ – Unser CVJM im Superwahljahr 2017

tl_files/cvjm/Arbeitsbereiche/Jugendpolitik/Superwahljahr-1.jpgZwei Wahlen standen 2017 für uns in Dreis-Tiefenbach (Nordrhein-Westfalen) an, die Landtagswahl und die Bundestagswahl. Das machte das Jahr für uns zu einem „Superwahljahr“. Gleichzeitig spürten wir eine deutliche Verschlechterung des demokratischen Diskurses und ein Schrillerwerden des Tonfalls im Vorfeld der Wahlen. Die Ergebnisse der vorangegangenen Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinlandpfalz und Sachsen-Anhalt ließen aus der Befürchtung, Rechtspopulisten könnten auch in den nordrhein-westfälischen Landtag einziehen, eine Gewissheit werden. Das führte zu der Frage, was wir innerhalb unseres CVJM tun können, um das demokratische Gemeinwesen zu stärken, wie es auch schon in Jeremia 29,7 heißt: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“

Im April diesen Jahres lud der CVJM seine Mitglieder, die Ev. Gemeinschaft, Ev. Kirchengemeinde und Kath. Kirchengemeinde zu einem abendlichen Kreativworkshop unter dem Titel „Superwahljahr – Suchet der Stadt Bestes“ ein. Jeder konnte mitmachen, besondere Vorkenntnisse waren nicht erforderlich. Zum ersten Treffen fanden sich 16 Menschen unterschiedlicher Altersgruppen zusammen. Mit verschiedenen Methoden sammelten wir aus diesem Kreis 14 unterschiedliche Ideen, bewerteten sie auf ihre Umsetzbarkeit, verdichteten diese Ideen auf unsere „Top Five“, vereinbarten Umsetzungsverantwortlichkeiten und „schmiedeten“ die ökumenische Projektgruppe aus den oben genannten Gemeinden und Vereinen.

Unsere Top-Five:

  • Politisches Abendgebet
  • „Welche Partei passt zu mir?“
  • „Versagen unsere Medien?“ Vortrag und Gespräch
  • „Fake News erkennen – Verbreitung vermeiden“ Vortrag und Gespräch
  • „Politik Talk – kompakt“ Bürger fragen die Direktkandidaten zur Bundestagswahl

Die Veranstaltungsreihe vor der Bundestagswahl bekam den durchaus doppeldeutigen Titel „Vor der Wahl X“. Alle Veranstaltungen sollten zum Ziel haben, Menschen in unserem Ort miteinander ins Gespräch zu bringen, sie zuverlässig zu informieren und für die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft zu interessieren. Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Gespräch und Diskurs in wertschätzender Art möglich ist. Außerdem hegten wir die Hoffnung, wenigstens die Wahlbeteiligung positiv beeinflussen zu können.

Welche Partei passt zu mir?

Wir stellten in unserem Vereinshaus den Wahl-o-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung und den WDR Kandidaten Check vor. Hierzu verwendeten wir großformatige Plakate, Handzettel und Links. Jeder sollte sich so in zeitgemäßer, digitaler und wenig aufwendiger Form ein Bild vom Programm der Parteien und den Positionen der jeweiligen Direktkandidaten machen können. Dies verbanden wir als CVJM, Ev. Gemeinschaft und Kirchengemeinden mit dem Aufruf „Geh wählen!“.

Versagen unsere Medien

Im Juli starteten wir mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Versagen die Medien?“. Zu Gast waren Jan Michael Schäfer, Fernsehjournalist aus Berlin und Beate Schmies, Studioleiterin des WDR Siegen. Jan Schäfer stammt aus Dreis-Tiefenbach und ist dem CVJM hier seit seiner Jugend eng verbunden. Für die Veranstaltung konnten wir ca. 60 Gäste interessieren. Jan Schäfer berichtete uns, welche Voraussetzungen eine „Story“ haben muss, um es in eine Zeitung oder eine Sendung zu bringen, wie Redaktionen arbeiten und wer für welche Aufgaben in einer Redaktion verantwortlich ist. In der anschließenden Diskussion wurden von ihm und Frau Schmies kritische Nachfragen des Publikums beantwortet. Wie unabhängig sind Journalisten bei ihrer Tätigkeit? Wer verfolgt Themen bei der zunehmenden Nachrichtengeschwindigkeit? Wie überprüfen Journalisten den Wahrheitsgehalt dessen, was sie berichten? Wie hoch ist der Druck, der erste sein zu müssen und leidet darunter die Qualität? Gibt es Einflussnahmen aus Politik und Wirtschaft? Wie erkenne ich falsche Nachrichten?

„Fake News erkennen, Verbreitung vermeiden“

Die Fragen, die gestellt wurden zeigten, dass wir mit dem Thema der zweiten tl_files/cvjm/Arbeitsbereiche/Jugendpolitik/Fakenews.jpgVeranstaltung der Reihe durchaus ins Schwarze getroffen hatten: „Fake News erkennen, Verbreitung vermeiden“. In diesem Vortrag wurde das Phänomen behandelt, dass heutzutage jedermann Informationen veröffentlichen und diese über die sozialen Netzwerke weit verbreiten kann. Das Problem ist, dass die Urheber solcher Informationen nicht unbedingt so sorgfältig gearbeitet haben müssen, wie Jan Schäfer uns das im vorhergehenden Vortrag geschildert hatte bzw. durchaus ein Interesse an der Verbreitung von Unwahrheiten haben können. Für den Leser dieser Artikel ist das nicht immer klar nachvollziehbar. Schnell sind emotional aufgeladene Fehlinformationen geteilt und mit einem „Like“ versehen und die so entstehende Informationsblase, in der man sich dann z.B. auf Facebook bewegt, lässt eine fatale Parallelwahrnehmung der Realität entstehen. Die technischen und methodischen Mechanismen, die hinter diesem Phänomen stecken, wurden in diesem Vortrag beleuchtet und es wurden praktische Tipps gegeben, wie man vermeiden kann, Opfer und Verbreiter von Falschmeldungen und Propaganda zu werden.

Politik Talk – Kompakt

Wir luden die Direktkandidaten der Parteien unseres Wahlkreises ein, die laut aktueller Sonntagsfrage des Politbarometers eine realistische Chance auf Einzug ins Parlament hatten. So konnten wir am 7. September die Kandidaten von Linken, Grünen, SPD, FDP, CDU und AfD in unseren Räumlichkeiten begrüßen. Die Veranstaltung sah vor, dass das Publikum Fragen zu vier bundespolitischen Themenkomplexen schriftlich notiert und auf diese Weise an einen oder alle Kandidaten stellen konnte. Die Fragen wurden durch ein Team schnell nach Themen und Relevanz sortiert. Auf diese Weise wurden Dopplungen und auch Beleidigungen oder als Frage getarnte Behauptungen vermieden, denn Ziel war ja, ins Gespräch zu kommen und den demokratischen Diskurs zu stärken. Diese Aufgabe war mit die schwierigste des Abends, denn angesichts von ca. 175 Zuschauern kamen sehr viele Fragen zusammen. Die Kandidaten hatten jeweils eine Minute Zeit, die Fragen zu beantworten.

Die schnelle Abfolge durchaus unterschiedlicher Fragen, das Zeitlimit, die Unterstützung des Moderatorenteams, das über die Einhaltung der Regeln wachte, führte dazu, dass die Antworten prägnant und themenbezogen waren und Ausflüchte in Allgemeinplätze und eingeübte Phrasen nicht möglich waren. Nach zwei Stunden Frage-Antwort-Marathon, war noch Gelegenheit, die Kandidaten persönlich anzusprechen. Die Rückmeldungen aus dem Publikum nach der Veranstaltung zeigten uns, dass man Politik ernsthaft und doch unterhaltsam vermitteln kann.

Politisches Abendgebet

An allen vier Montagen vor der Bundestagswahl luden wir zu „Politischen Abendgebeten“ im Wechsel in die evangelische und katholische Kirche ein. Eine hierfür gemeinsam erarbeitete Liturgie führte durch die Abende. Die Gebete standen thematisch unter den Überschriften: „Frieden“, „Gerechtigkeit“, „Bewahrung der Schöpfung“ und „Medien und Information“. Wir sammelten nach einer Impulsandacht Gebetsanliegen unter den Teilnehmern und brachten unsere Bitten und unseren Dank so gemeinsam vor Gott und ließen uns von ihm stärken. Insgesamt hat uns das Projekt gezeigt, dass es gar nicht so schwierig ist, auch im CVJM politisch etwas zu bewegen, und dennoch die gebotene Neutralität zu bewahren. Was haben wir erreicht?

  • Wir haben Aufmerksamkeit in unseren Gemeinden und Vereinen dafür erzeugt, dass Demokratie (inklusive des Grundrechts auf Religionsfreiheit) kein Selbstläufer ist, sondern das Engagement vieler benötigt.
  • Wir haben für uns geklärt, dass politisches Engagements und Sorge um unser Gemeinwesen auch in dieser Form Aufgabe unseres CVJM ist
  • Unsere Aktivitäten wurden von den lokalen Politikern wahrgenommen und unser Einsatz anerkannt. Dies erhöht die Relevanz des CVJM vor Ort und stärkt unser Netzwerk. Auch in der Presse fand unsere ökumenische Arbeit positives Echo.
  • Wir konnten kreative Potentiale auch außerhalb bestehender Gremien und Strukturen in unserem Verein mobilisieren.
  • Im Rahmen unserer Jugendarbeit konnten wir zur politischer Bildung und Medienkompetenz beitragen.
  • Die ökumenische Zusammenarbeit hat uns gestärkt und ermutigt.
  • Wir konnten viele Menschen erreichen und miteinander ins Gespräch bringen, die unsere Angebote bisher nicht ansprachen

Wir können uns vorstellen, eine solche Reihe erneut zu starten – „vor der nächsten Wahl“.

Martin Heilmann und Burkhard Braach