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Hände desinfizieren und Temperatur messen – Sierra Leone nach Ebola

19.01.2016 15:11 von Eckard M. Geisler in CVJM weltweit (Kommentare: 0)

Sierra Leone in Westafrika hat eine schlimme Zeit hinter sich. Im Juli 2014 dämmerte es allmählich allen, dass die Ebola Epidemie im Dreiländereck Guinea, Liberia, Sierra Leone außer Kontrolle geraten war. Doch schon vorher hatten die „Ärzte ohne Grenzen“ davor gewarnt. Es gab so gut wie keine Erfahrung mit diesem Virus. Seine Symptome waren sehr allgemein. Durchfall, Erbrechen, Fieber… Nach denen hätten es auch „alltägliche“ Krankheiten und Beschwerden sein können, wie auch eine Malaria. Nun kam es darauf an, die Krankheitsherde zu isolieren, Menschen, bei denen die Krankheit ausgebrochen war und die zu finden, mit denen es nach dem Ausbruch zu Kontakten gekommen war, um auch sie in Quarantäne zu bringen. Die Überlebensrate lag bei ca. 50 Prozent. Alles das brachte heftige Einschnitte in den Alltag in Sierra Leone. Landstriche wurden abgeriegelt.

Größere Versammlungen durften nicht mehr stattfinden. Man schüttelte sich nicht mehr die Hände. Im Sammeltaxi saßen nur noch zwei Personen hinten. Airlines flogen Sierra Leone nicht mehr an. Das Land war isoliert! Die Bestattung von Toten musste „steril“ erfolgen, alle Schulen waren fast ein Jahr geschlossen. Das alles waren harte Eingriffe ins soziale und kulturelle Leben des Landes. Es ging aber auch an die wirtschaftliche Basis von Sierra Leone. Der Handel wurde in den Öffnungszeiten beschnitten. Weil keine Gäste mehr kamen, schlossen Hotels. Menschen verloren ihre Arbeit oder blieben für viele Monate ohne Gehalt und auch Einkommen, weil auch der Kleinsthandel in die Knie ging. Menschen litten Hunger. Hier konnten wir den Mitgliedern des YMCA Sierra Leone innerhalb eines Jahres mit sechs Lieferungen von Grundnahrungsmitteln wie Reis, Öl und Zwiebeln helfen.

Nach zwei langen Jahren bin ich nun selber wieder im Land und besuche YMCA-Ortsvereine und den Nationalverband. Und an allen Ecken stoße ich auf die bittere Zeit mit dieser Seuche im Land, obwohl Sierra Leone seit dem 7. November von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als "Ebola frei" erklärt wurde. Doch seit 7. Januar ist die "Ebola freie Zeit" zu Ende, denn ein neuer Fall ist aufgetaucht. Jede Menge Kontaktpersonen hat man in Quarantäne nehmen können. Jedoch einige hat man noch nicht ausfindig machen können, so jedenfalls habe ich‘s hier gehört.

Immer noch ist man im Lande sehr wachsam. Zwar sind viele Körpertemperaturmessstationen an Straßen aufgelöst worden, doch noch gibt es welche.

Für mich hat die Nachebola-Erfahrung bereits auf dem Flug nach Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, begonnen. Statt des sonst üblichen Einreiseformulars wurde ein einseitiger Gesundheitsfragebogen an die Passagiere verteilt, der auch alle persönlichen Daten abfragte. Noch vor dem Betreten des Flughafengebäudes musste jeder Passagier sich seine Hände mit einer Desinfektionsflüssigkeit reinigen. Nach der Passkontrolle wurde bei jedem der Fragebogen vervollständigt, Temperatur gemessen und in das Dokument eingetragen. Ohne erhöhte Temperatur ist es kein Problem einzureisen. Kaum auszudenken, wenn man mit einer leichten deutschen Grippe dem Distanzthermometer gegenübersteht…

Schon auf der Fahrt dann durch Freetown zum YMCA-Hostel sehe ich immer wieder Poster, Plakate und Wandbeschriftungen, die die Ebola-Epidemie zum Inhalt hatten, so zum Beispiel: „Wer wenn nicht Du, kann Ebola stoppen?“ – „Überlebende sind unsere Heroen – Stoppt das Stigma!“ Und dann ist die erste Begegnung mit den Schwestern und Brüdern im YMCA Sierra Leone für mich schon sehr besonders, denn man darf wieder Hände schütteln und sich auch umarmen. Bis hin zum erklärten Ende der Ebola-Epidemie war das undenkbar. Man hat sich zugewinkt und allen Körperkontakt vermieden. Wann immer ich die Veränderung des Verhaltens zurück zu den alten Gewohnheiten anspreche, ernte ich ein Strahlen und Freude. Doch noch sitzt die Zeit der tödlichen Bedrohung sehr tief. Nach jeder Begegnung in einem Ortsverein ist im Wagen erst einmal Händedesinfektion angesagt. So ganz scheint man „dem Braten“ noch nicht zu vertrauen, zumal ja der aktuelle Fall zeigt, dass Wachsamkeit immer noch angesagt ist. Auch vor dem Betreten eines Hotels bitten einen die Sicherheitskräfte, sich erst einmal die Hände zu desinfizieren…

Die Zahl neuer Ebola-Fälle ging dann im Verlauf des letzten Jahres merklich zurück, so dass dann die Regierung Mitte April den Schulbetrieb wieder aufnahm. Nun, wer als Schulkind so überaus lange „Ferien“ hatte, muss sich an den neuen Lebensrhythmus erst noch gewöhnen. Wen wundert’s, dass einige es wohl noch nicht geschafft haben. So stellt das Plakat von ‚Unicef‘ fest: „Wir sind bereit, wieder zur Schule zu gehen! Bist Du’s auch?“

In meiner knappen Zeit in Sierra Leone besuche die Regionalzentren in Kenema, Bo und Freetown. Und jedes Mal wird mir von den verantwortlichen Ehrenamtlichen bestätigt, wie wichtig und hilfreich die „Solidaritätsreislieferungen“, die Verteilung der Grundnahrungsmittel war, gerade auch zu den christlichen Feiertagen Weihnachten und Ostern. Immer wieder wird betont, dass der YMCA in dieser schweren Zeit im ganzen Land die einzige Organisation war, die sich mit Hilfe des CVJM-Westbundes direkt um ihre Mitglieder hat kümmern können. „Die Hilfe kam gerade zur rechten Zeit“, so Lesley Whenzel, der Vorsitzende der Westregion des YMCA Sierra Leone. Ähnliches drücken auch die Vorstandmitglieder der Ortsvereine in der Südregion (Bo) aus. Es blieb aber in diesen Monaten nicht bei der Lebensmittelhilfe. Wegen der überaus schwierigen Versorgungslage hatten viele Familien den für die nächste Aussaat gelagerten Reis essen müssen, um nicht Hunger zu leiden, was dann aber zu großen Problemen für die nächste Vegetationsperiode geführt hätte. So konnten mit Hilfe des CVJM-Westbundes einhundert von Ebola betroffene Familien Saatreis, Dünger und Werkzeuge erhalten. Einige von ihnen treffe ich in dem kleinen Ort Tikonko, gute zwanzig Autominuten von Bo, der zweitgrößten Stadt des Landes, entfernt gelegen.

Tity Gbando ist eine Frau. Sie ist Chief, also die Vorsitzende des Gemeinwesens von Tikonko. Sie hat ihren Mann durch Ebola verloren. Er hatte in den vergangenen Jahren vielen Kindern von draußen im gemeinsamen Haus Obdach gegeben. Jetzt muss sie alleine 25 hungrige Mäuler stopfen. Der Saatreis hat hier eine Perspektive für morgen eröffnet. Es sind nur sieben Personen im Haushalt, den James Ndanema, ein junger Erwachsener, vertritt. Seine Eltern sind durch Ebola ums Leben gekommen. Damit waren die Kinder ganz auf sich alleine gestellt. Der Saatreis war für sie alle eine reale Überlebenshilfe.

Beide, wie auch die anderen, die zu dem Treffen in der offenen Versammlungshalle von Tikonko gekommen sind, teilen das gleiche Schicksal. Mit dem Ebola-Fall in der Familie wurden sie ausgegrenzt und an den Rand des Gemeinwesens gedrückt. Einmütig zeigen sie ihre tiefe Dankbarkeit über die unerwartet erhaltene Hilfe vom YMCA. Zwischen sieben bis fünfundzwanzig Menschen, je nach Haushalt, profitieren von dieser Investition in die Zukunft. – In der Zwischenzeit würden sie aber im Ort nicht mehr von den anderen gemieden, sagen sie. Nach all den Besuchen und den vielen Begegnungen im Hinterland geht es dann wieder zurück in die Hauptstadt. Einige Kilometer vor dem ersten Vorort ist ein Seil quer über die Straße gespannt. In jedem Auto und jedem Minibus, die durch Seil und Polizei zum Halten gezwungen werden, wird bei jedem Mitfahrenden mit einem Distanzthermometer die Körpertemperatur ermittelt. Es geht darum, möglichen Verdachtsfällen schnell auf die Spur zu kommen. Auch Christian Kamara, der Generalsekretär des YMCA Sierra Leone, muss sich im von Brot für die Welt gesponserten Wagen des YMCA dieser Prozedur unterziehen. Einen letzten Zwischenstopp gibt’s auf der Rückfahrt dann noch im Rohbau des Vereinsheims des YMCA Waterloo. Wen wundert’s, dass auch hier Ebola Thema ist. Die Randbezirke dieses aus Richtung Hinterland ersten Vorortes von Freetown wurden ganz besonders schwer von Ebola heimgesucht. Auf unserer Weiterfahrt halten wir dann noch am Ortsausgang von Waterloo an der Gedenkstätte in den sierra leonischen Nationalfarben für die vielen vielen hier mit Namen aufgeführten Opfer dieser schlimmen Epidemie, die mehr anrichtete, als nur die Gesundheit anzugreifen.

Mehr zu Ebola in Sierra Leone und unseren Projekten "Solidarity Rice" / "Saatreis"

 

Eckard M. Geisler
Bundessekretär für Weltdienst, CVJM-Westbund

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