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Zwischen orthodoxer Andacht und innerstädtischer „Zettelmission“

26.09.2015 09:29 von Eckard M. Geisler in CVJM weltweit (Kommentare: 0)

Ein besonderer Tag auf der Europäischen Sekretärskonferenz

110 Hauptamtliche aus 12 Nationen treffen sich zur 14. Europäischen CVJM-Sekretärskonferenz in einem orthodoxen Tagungszentrum am Rand von Helsinki, Finnland. Mit dabei sind auch 16 Deutsche, darunter auch Professor Jürgen Eilert mit drei Studenten der CVJM-Fachhochschule Kassel. Und weil dies eine Tagung mit europäischen Dimension ist, ist auch das Hauptamtlichenteam von YMCA Europe, dem Zusammenschluss der europäischen CVJM-Verbände, mit dabei. In zwei Vorträgen hat Juan Simoes Iglesias, der Generalsekretär von YMCA Europe, die Teilnehmenden in die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen der CVJM-Bewegung auf dem Kontinent, u.a. die Flüchtlingsfrage, mit hineingenommen und in den verschiedensten Workshops und Seminaren konnte man sich ausprobieren und praxisorientierten Themen stellen.

Wie eigentlich bei allen internationalen CVJM-Konferenzen gibt es mindestens für einen halben Tag einen Ausflug in die Umgebung des Konferenzortes. Da musste man hier im Großraum Helsinki nicht lange nachdenken. Die Innenstadt und die Festungsinselgruppe Suomenlinna (Finnenfestung), vorgelagert vor der finnischen Hauptstadt, sind angemessene Ziele.

Aber erst einmal begann der Tag anders als gewohnt, denn wir waren auf halb neun in die Kapelle der Tagungsstätte zum orthodoxen Morgengebet eingeladen. Jetzt wirkte sie gleich ganz anders. Ja, in eine Kapelle gehören Menschen, denn sie ist eine Begegnungsstätte, eine Stätte der Begegnung mit Gott. Vier in schwarze Roben gekleidete orthodoxe Christen sangen und lasen die Liturgie. Uns zu Gefallen war sie größtenteils auf Englisch. Ein visueller und aromatischer Höhepunkt war für mich, als einer der Liturgen das kleine hängende Weihrauchgefäß befüllte und es schwenkend den umgebend hängenden Ikonen feine Rauchfahnen zufächerte und schließlich auch uns, den an den Seiten Stehenden. Für mich als reformiert geprägten Christen, ist das eine so ganz andere und auf den ersten Blick befremdliche Art zeichenhafter Mystik und Anbetung.

Für den Ausflug hatten die Organisatoren unserer Konferenz ein kleines Boot gechartert, auf dass alle Teilnehmenden passten. In einer Stunde ging es vom Anleger an unserem Konferenzzentrum „Sofia“ durch die vorgelagerte Inselwelt nach Suomenlinna. Da waren tatsächlich mal alle 110 CVJM-Sekretäre aus 12 Nationen „in einem Boot“!

Sicher ist die Festung für die finnische Nation von großer Bedeutung, doch so ganz viel Tolles bietet sie eigentlich nicht. Festungen aus dieser Zeit gleichen sich halt. Da sind die dicken Mauern, die besondere Anordnung der Durchlässe und Tore und die sinnvoll arrangierten Wallanlagen. So kann man einen guten Kilometer die eine Insel festungsgerecht durchwandern und dann auch so manchen Weg auf der anderen Insel hinter sich legen. Helsinki selber finde ich da durchaus spannender.

Ganz gefangen war ich von den tollen Hausfassaden in Helsinki, von denen viele um 1910, der Blütezeit von Helsinki, im Jugendstil errichtet wurden. So habe ich die weiße lutherische Kathedrale gesehen, wie auch die der orthodoxen Christen, bin bis hin zur modernen hölzernen Innenstadtkapelle gelaufen. In der Ferne strahlte der Turm des Jugendstilhauptbahnhofes im Sonnenlicht.

Am Ende des Tages bin ich dann noch mal zur lutherischen Kathedrale gelaufen. An ihrem Fuße liegt ja ein ehrfurchtgebietender große Platz. Dort unten, rund um das platzbeherrschende Denkmal stehen Bänke. Auf einer mit Blick auf die Kathedrale hatte ich mich in der letzten halben Stunde meiner Zeit im Herzen von Helsinki niedergelassen. Die Sonne sank und der fast volle Mond stand über den Altstadthäusern der Metropole. Die Abendluft war recht erträglich, und ich war gut verpackt. Ich genoss die frühabendliche Atmosphäre und den Blick auf die vor mir aufragende Kathedrale. Schüler einer Klassenfahrt posierten auf den Stufen für ein Gruppenbild, hinter mir zogen Straßenbahnen vorbei und vereinzelt querten Menschen.

Einer von ihnen passiert dicht vor mir, einen Stapel gefalteter Zettel in der Hand, will mir einen zustecken, ich weise ab. Leise sagt er etwas, er redet Englisch und da höre ich das Wort „Jesus“. Ich gebe ihm ein Zeichen, möchte doch eines seiner Blätter. Er reicht es mir und spricht mich an. „Kennst Du Jesus“, so seine Anknüpfung. Er setzt sich zu mir. So um die dreißig ist er und ganz offensichtlich kein Finne. Ich rate: Asien! Er sei aus Indien, arbeite bei Nokia und da wird deutlich: er ist Christ. Und schon bin ich im Gespräch mit Deli Davidson. Genau genommen komme er aus Südindien. Es heißt, der Apostel Thomas sei der Begründer der christlichen Kirche dort. Und ich erzähle ihm von meinen kürzlichen Erfahrungen vor Ostern im mittleren Osten seines riesigen Landes, wo in der Millionenstadt Ranchi und Umgebung an die 40 % Christen leben, was ihn wiederum erstaunt, denn im Landesdurchschnitt seien es nur 2 – 3 %. Und wir tauschen uns aus über die bedrängende Situation, dass der ehemals so christliche Kontinent Europa immer mehr seinen Glauben verliert.

Einstmals gingen mutige Missionare von hier in alle Welt und predigten das Evangelium. Und jetzt ist es Deli, der wie Paulus einem weltlichen Beruf nachgeht – Paulus war Zeltmacher –, so sein Geld verdient und am Feierabend auf schlichte Weise in der Innenstadt freundlich Jesus ins Gespräch bringt. Ganz unerwartet war sie, kurz, überraschend, ermutigend und tief, diese Begegnung am Ende dieses Ausflugs im Rahmen der Europäischen Sekretärskonferenz, hinein ins Zentrum von Helsinki und hinein ins Zentrum des Glaubens.

Eckard M. Geisler
Bundessekretär für Weltdienst und internationale Beziehungen
CVJM-Westbund e. V.

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