Weltdienstarbeit in Sierra Leone
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 Reisebericht unseres Weltdienst-Sekretärs
 Sierra Leone, West Afrika, im Januar 2002

 



Besuch beim Hastings YMCA

Zusammen mit Fred Karimu besuche ich den Hastings YMCA, in einem Vorort von Freetown. Dieses ist das reguläre Treffen des Vereins. Auf dem Programm stehen Gesellschaftsspiele. Man trifft sich unter einem großen Mangobaum am alten zerstörten Bahnhof (Schulgebäude) von Hastings. Es sind an die zwanzig Kinder, Jugendliche und Erwachsene gekommen. Aus diesem Verein stammt der derzeitige Schatzmeister des Nationalverbandes, Sahr Lebbie, der Vorsitzende des Western Region, Claudius Ayo-Speck und die Flüchtlingssekretärin Christiana Ayo-Speck.

Ausdrücklich wird betont, daß man sich als YMCA zweiter Klasse fühle, weil man keinen Partnerverein im CVJM-Westbund habe und damit auch keinen Besuch bekomme. Die bestehenden Ortsvereins-Partnerschaften mit ihren Projekt- und Reisemöglichkeiten haben sicherlich die YMCA-Landschaft aus der Balance gebracht. So war man sehr überrascht und erfreut, daß ich darum gebeten hatte, sie einmal besuchen zu dürfen. Für das Selbstwertgefühl als Verein, scheint ein solches Wahrgenommen werden wichtig zu sein. Daß der Verein einen Europäer zu Gast hatte wurde im Ort wohl bemerkt, denn spätere Bemerkungen zu Vereinsmitgliedern zeigen dieses. In der Wahrnehmung des Ortes ist dieser Verein jetzt anders ernst zu nehmen.
Der offizielle Teil der Programms ist beendet. Die Reden, die zu reden waren, wurden geredet. Und ehe ich es richtig wahrnehmen kann, sitzen alle bereits bei den Gesellschaftsspielen, die unter dem Mangobaum bereit liegen. Ein Kartenspiel, mehrere Dame-Spiele und Ludo. Ehe ich es richtig realisieren kann, hat man sich bereits zusammengefunden: Alt gegen Jung, Jung gegen Jung, Alt gegen Alt. Eine friedliche entspannte "Spielhölle" unter dem Mangobaum, im Schatten der Ruine des alten Bahnhofs von Hastings, den die Rebellen niedergebrannt haben. Ob man beim Spielen die Vergangenheit vergessen kann, das Feuer, die Gemetzel, die Toten?

Nach dem Treffen fahren wir noch in den Dorfkern von Hastings, wo man mir ein Grundstück in zentraler Lage, am alten Marktplatz zeigt. Im Umfeld sind die meisten Gebäude zerstört worden. Hier pulsiert kein Leben mehr!
Hier möchte man eine Bäckerei mit Hilfe des örtlichen Y's Men's Club errichten, der mit finanzieller Hilfe aus Kanada einen Hauptamtlichen angestellt hat (Henry Macauley) und wohl auch aus dieser Richtung Finanzmittel für Projekte erhält. In Hastings gab es früher mehrere Bäckereien, die unter anderem die Polizeischule im Ort versorgten. Jedoch existieren diese als Ergebnis des Bürgerkrieges nicht mehr. Man glaubt, hier eine Marktlücke für ein Community Project entdeckt zu haben.
Fahrt nach Kenema

Mit einer Delegation des Nationalverbandes machen wir uns morgens mit dem neuen Toyota Pick Up des YMCA auf den Weg nach Kenema, zur Einweihung des YMCA Skills Training Centre (Ausbildungszentrum für handwerkliche Fertigkeiten).
Die Straße von Freetown nach Mile Siaka ist noch in ihrem super Zustand, wie vor den Angriffen auf Freetown und der Vororte. Von Mile Siaka bis nach Taiama ist die Straße häufig ein Patchworkteppich von Asphalt und begradigter Schotterpiste, aber gut zu befahren. Von Taiama nach Bo wird es dann schlimmer. Doch auch hier hat man gearbeitet und die zuletzt von tiefen Schlaglöchern zerfressene, vor Jahren mit einer ersten Asphaltschicht von einer italienischen Baufirma versehene neue begradigte Strecke so ausgebessert, daß man auch hier vorwärts kommt. So ist die reine Fahrzeit von Freetown, über Bo, nach Kenema ca. sechs Stunden. Der Streckenabschnitt von Bo nach Kenema ist wieder gut und plan asphaltiert. Auch das datiert noch vor den Rebellenkrieg.

Wie ich bald feststelle bin ich nicht der einzige in unserer kleinen Gruppe, der erstmalig nach Kenema fährt. Einer der Mitreisenden, ca. 50 Jahre alt, ein Krio aus Freetown erzählt, daß entsprechend der Erziehung durch seinen Vater für ihn das Hinterland Freetowns "nicht existent" war. Es ist erst der YMCA, durch den er einen Blick für das ganze Land erhalten hat. Es war die Nationalversammlung 1998, die ihn erstmalig nach Bo gebracht hat und jetzt stellt er die gleichen neugierigen Fragen an die Mitreisen bezüglich Kenema, wie ich.

Kurz vor Bo kommt es noch zu einer eindrücklichen Begegnung. 1997 bei meiner letzten Fahrt über Land nach Bo, kamen wir auch durch das kleine Straßendorf Senehun. Damals war es für gut drei Monate möglich, verhältnismäßig unbehelligt, die Straßenbindung zwischen Freetown und Bo zu nutzen. So verlief unsere Hin- und Rückreise damals ohne Zwischenfälle, wenngleich auch alle bei diesem Unternehmen äußerst angespannt waren.

In Senehun hielten wir kurz an, um uns die Schäden anzuschauen, die die Rebellen bei ihren Überfällen angerichtet hatten. Kaum ein Haus war unbeschädigt geblieben. Darunter auch ein langer zweistöckiger Betonbau. Hier hatte eine wohlhabende Familie gewohnt. Das Dach war abgebrannt und die Hitze hatte die Betonwände zum Zerspringen gebracht und mitten zwischen den Trümmern die Großfamilie mit dem alten Herrn, dem Familienoberhaupt, die erst vor wenigen Tagen aus einem Heimatvertriebenencamp zurückgekehrt war.

Jetzt ist ein neues Dach auf diesem Gebäude. Der Schutt wurde herausgeräumt. Damit sind die Reste erst einmal gesichert. Wir fragen nach dem alten Herrn, zeigen Bilder von ihm, die ich damals gemacht habe, darunter ein Poster, mit der ganzen Familie vor dem zerstörten Haus. Man erkennt seine Tochter darauf wieder, die in einem Lehmziegelhaus in der Nähe wohnt. Nicht nur sie kommt, mit ihr viele andere, die neugierig unseren Wagen umrunden und die Bilder. Der alte Herr lebt nicht mehr, wie auch zwei andere jüngere Männer auf diesem Bild. Der jungen Frau, der Tochter, kommen die Tränen. Die Bilder haben Erinnerungen geweckt, Vergangenheit wieder lebendig werden lassen. "Wahrscheinlich gab es gar kein Foto von dem alten Mann, erst recht keines von der ganzen Familie", so mutmaßen meine Mitreisenden. Still setzen wir uns in den Wagen und fahren langsam, nun selber tief bewegt von dieser Begegnung, davon. Hinter uns bleiben Menschen mit ihrer Trauer, mit ihren Erinnerungen an das Grauen und an bessere Tage.

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Kenema
Spät nachmittags kommen wir schließlich, nach einem Zwischenstop in Bo, in Kenema an. Es ist die drittgrößte Stadt des Landes. Ihre Innenstadt ist lebhafter und größer, als die von Bo. "Jedes zweite" Reklameschild weist auf einen Diamantenhändler hin. Wir sind ganz offensichtlich in einer Diamantengegend. Ob deshalb die Nationalbank hier ihre einzige Zweigstelle im Lande hat, ein imposanter Betonbau? Davor im Zentrum eines Kreisverkehrs ein noch nicht vollendeter Uhrenturm.

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Einweihung des Skills Training Centre, Kenema
Der YMCA war in der Lage, an einer der Einfallstraßen aus Richtung Bo, ein geeignetes Gebäude mit einem kleinen umgebenden Grundstück anzumieten, in dem die Schreinerei, die Maurerei und Schneiderei untergebracht sind, sowie die Büros. Ca. einen Kilometer weiter stadtauswärts, an der gleichen Straße gelegen, hat man ein weiteres Haus angemietet, in dem der leitende Sekretär zur Zeit wohnt und sich der Landbaubereich angesiedelt hat. Hier gibt es auch das entsprechende Grundstück, daß die Anlage von Lehr- und auch Praxisbeeten der Azubis ermöglicht.

Gut hundert Gäste sind an diesem Samstag Nachmittag gekommen. Die offizielle Einweihung des YMCA-Fertigkeiten-Trainings-Zentrums in der Provinzstadt Kenema, der drittgrößten Stadt Sierra Leones, im Osten des Landes, soll gefeiert werden. Mit dabei sind Vorstandsmitglieder der Ortsvereine in dieser "Area", wie dieser YMCA-Bereich zur Zeit genannt wird. Offiziell ist sie noch nicht zur Region erhoben worden. Man ist aber auf einem guten Wege dort hin.

Die Frauen des "Women Wing", der Frauengruppen der YMCAs dieser Gegend, haben sich um die Verpflegung der Gäste gekümmert, die über den YMCA hinaus auch verschiedene Bereiche des öffentlichen Lebens vertreten. Das ist auch die Stärke dieses Projektes, daß man ein verantwortliches Projektkomitee mit sachkundigen Bürgern aus verschiedenen Bereichen und YMCA-Vertretern für die Begleitung dieses Projektes ins Leben gerufen hat. Ich kann allen die offiziellen Grüße und Glückwünsche des CVJM-Westbundes zum Start dieser für die Region so wichtigen Einrichtung überbringen.

Diesen Gästen sitzen vierzig Azubis gegenüber, die in den vier Ausbildungs-bereichen Landbau (7), Schneiderei (14), Maurerei (11), Schreinerei (8) ausgebildet werden. Ursprünglich war eine Kombinationsausbildung im Blick, in der die Azubis einen Fachbereich mit jeweils Landbau kombinierten, um, so die Idee vom "grünen Tisch", in der Regenzeit Landbau und der Trockenzeit dem Häuserbau bzw. der Schneiderei nachzugehen. Dieses Konzept ließ sich jedoch im örtlichen Projekt-komitee so nicht durchsetzen, so daß daraus vier separate Ausbildungsbereiche wurden, was im Endeffekt dann auch Sinn macht, weil es ja vor Ort funktionieren und angenommen sein muß.

Ein nächster Schritt wird sein, mit Hilfe aus Deutschland ein geeignetes Grundstück zu erwerben (ca. 20.000,-- DM), um dorthin das Landbauprojekt auszugliedern und als Projekt mit den eigenen Azubis ein eigenes Ausbildungszentrum zu errichten. Hierfür will man selber Lehmziegel mit einem kleinen Anteil Sand und Zement herstellen. Diese sind erheblich haltbarer als reine Lehmziegel.
Die Azubis sind junge Erwachsene im Alter von ca. 18 bis an die 28 Jahre. Sie wurden von einem eigenen Aufnahmeausschuß ausgewählt. Das große Schild am Zentrum erklärt, daß dieses Skills Training Centre für vom Krieg in Mitleidenschaft gezogene Jugendliche und ehemalige Rebellenkämpfer eingerichtet wurde. Viele von ihnen leben in den ärmlichen Heimatvertriebenenlagern vor den Toren der Stadt. Ihre Schulbildung wurde durch den Bürgerkrieg unterbrochen und in diesem einjährigen Kurs, den sie mit Engagement belegen, wird auch bei unvollständiger Schulausbildung eine Perspektive für ihr zukünftiges Leben liegen.
Das Ziel und damit auch alle Bemühungen der Verantwortlichen vor Ort, auch ehemalige Rebellenkämpfer in diese Ausbildung zu integrieren, waren bisher nicht erfolgreich. Die gibt es nämlich nicht auf dem "freien Markt". Sie müssen der Organisation von der Nationalen Kommission für Entwaffnung und Wiedereingliederung zugeführt werden. Das ist der in Sierra Leone offiziell definierte Weg. Das offizielle Angebot und der Antrag des YMCA liegt vor, doch gibt es im Moment noch keine Reaktion. Es sieht ganz danach aus, daß diese Kommission völlig aus dem Konzept geworfen wurde, durch die über alle Erwartungen hohe Entwaffnung von Rebellen in der Region Kailahun. Mit jeder Entwaffnung geht ein Geldbetrag einher, um diese Waffenabgabe den jungen Kämpfern schmackhaft zu machen. Man geht aber davon aus, daß in aller nächster Zeit sich die Zahl der Azubis durch sie erhöhen wird.

Nicht nur, daß für diese Einweihung der Vorgarten planiert wurde, um die Besucher und Studierenden unter schattenspendenden UNHCR-Planen zu plazieren. Es wurde auch eine Verstärkeranlage geordert, die nicht nur die Wortbeiträge in die weite Umgebung trägt, sondern auch Musik in den richtigen Rhythmen an den Konsumenten bringt. Klar, daß sich vor dem großen Einfahrtstor zum Gebäude an die fünfzig Kinder versammeln und neugierig ihre Nasen durch das Gitter stecken. Eine der Azubis wurde mit einem kleinen Stock am Tor postiert um auf diese ortsübliche Weise all zu neugierige Nasen in der für diese Erwachsenenveranstaltung gebührenden Entfernung zu halten. Doch nach Ende der Einweihung gibt es, bei dem aus den aus den Lautsprecherboxen schallenden Sound, keinen Halt mehr: Neben den Azubis erobern die Kinder den Vorgarten und die beste Disco ist am Laufen.
Die vielfältigen Begabungen dieser jungen Erwachsenen, wird beim Singen aber auch beim Theaterspielen deutlich. Wie kann es anders sein: Es ist ein Spiel von Rebellenkämpfern, die nach der Entwaffnung wieder zurück in ihr Dorf kehren wollen. Viele Szenen werden mit Beifall und Gelächter bedacht. Die Situationskomik ist zu groß und die Probleme der Wiedereingliederung allen nur zu sehr bewußt.

Mit diesem beruflichen Fertigkeiten-Training hat der YMCA in Sierra Leone deutlich in einer dritten Region des Landes "Flagge" gezeigt und ist für alle sichtbar vertreten. Das wird unterwegs in der Stadt bei Zufallsbegegnungen deutlich. Die Einwohner nehmen die vier Buchstaben wahr und daß hier etwas Neues, etwas Verheißungsvolles beginnt.

Abends laufe ich noch beim Schein der Taschenlampe die Nachbarstraße herunter, vorbei an den kleinen von Kerosinlampen beleuchteten Holzbuden, den Geschäften, wo bis in die späte Nacht noch Dosenmilch und Seife angeboten wird. Mich holt ein Jugendlicher ein, John, so an die sechzehn Jahre. Ob ich denn der sei, den er nachmittags gehört habe, als er an dem neuen YMCA Zentrum, auf einem LKW sitzend, vorbeigefahren sei. Da lief ja wohl was Besonderes, ja, und was denn eigentlich der YMCA sei und ob man da mitmachen könne. Und als ich mich von ihm verabschiede, weil ich wieder gemächlich Richtung Unterkunft zurück spazieren will, kommt die Sorge vor Montag, dem Schulbeginn und mit ihm die neuen Schulbücher, die irgendwie aufgetrieben und bezahlt werden müssen.

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Sehen ist nicht gleich Verstehen

Nach der Veranstaltung werde ich schnell noch vom stellvertretenden Ausbildungsleiter mit dem Motorrad zum Landbaubereich gebracht, um noch ein Foto mit den dortigen Azubis zu machen.

Anschließend gönne ich mir auf der Veranda des Hauses eine Pause, und mache es mir, mit Blick auf die Straße, bequem.
Und ich bin überrascht. Ich sehe am laufenden Band kleine Motorräder vorbeiflitzen, mal mit, mal ohne und auch mal gleich mit zwei Leuten hinter dem Fahrer auf dem Sitz. Man scheint viel Spaß zu haben. Doch die große Menge dieser Gefährte paßt gar nicht zu der örtlichen Situation von Bürgerkrieg und Armut. Hier gibt es anscheinend jede Menge junger Erwachsener, die es sich leisten können, abends ein Schaufahren bei jeder Menge Benzinverbrauch, auf der Hauptstraße zu veranstalten.

Ja, leisten können sie sich diese Gefährte. Doch ist das kein Schaufahren oder Balzverhalten, sondern simpler Broterwerb, wie mir später von den Einheimischen erklärt wird. Offensichtlich ein Broterwerb, der auch noch Spaß zu machen scheint. Es gibt nämlich kaum noch Taxis. Die Rebellen haben die meisten von ihnen geraubt.

Junge Erwachsene, die ein wenig Geld beim Diamantenschürfen gemacht haben, haben sich dafür diese Kleinkrafträder gekauft. Jeder ist sein eigener Unternehmer. Sie betreiben jetzt das Taxigewerbe. Mit 1.000,-- Le ist man dabei, bzw. hinten drauf, und zwar von jeder beliebigen Stelle zu jedem beliebigen Punkt in der Stadt. Ob Kurzstrecke oder quer hindurch, es gilt dieser Einheitspreis. Und es ist bequem noch dazu. Fahren die Sammeltaxis eine festgelegte Route, bringen einen die Bikes an jeden gewünschten Ort in der Stadt, punktgenau.

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Sierra Leone
Mit Sierra Leone geht es bergauf.
Am Sonntag Nachmittag, um fünf, wird in "BBC Focus Africa", der Nachrichtensendung der englischen BBC, mit dem Blickpunkt auf diesen Kontinent, der Verantwortliche der Vereinten Nationen für die Entwaffnung der Rebellen und Kamjors so zitiert: "Friede in Sierra Leone." Und dann ist es Donnerstag, der 17. Januar 2002, an dem "BBC Focus Africa" dann letzte Klarheit bringt. Präsident Kaba von Sierra Leone verkündet offiziell Frieden für sein Land.

An diesem Sonntag ist die Entwaffnung in der Provinz Kailahun, die in den letzten zehn Jahren am Schlimmsten und Dauerhaftesten von dem Rebellenkrieg betroffen war, offiziell zu Ende gegangen, obwohl man damit rechnet, daß sich in den nächsten Tagen noch weiter Rebellen entwaffnen lassen, darunter auch "hohe Tiere". Unter anderem wurde ein Paramount Chief namentlich genannt. 45.000 Kämpfer aller Parteien haben bisher ihre Waffen abgegeben.

Während unseres Aufenthaltes in Kenema erreichen uns immer wieder Berichte von Betroffenen, daß in diesen Tagen vermehrt Heimatvertriebene nach Kailahun zurückkehren.

Der Gang über den Victoria Market in Freetown zeigt: Es geht auch wirtschaftlich, wenigstens in der Hauptstadt, langsam aufwärts. Es ist Geld in der Stadt! In dem Bereich, in dem Touristen oder Ausländer einkaufen gehen, nämlich Kunsthandwerk aus Holz und Stoff, sind das Angebot und die Vielfalt auffällig gestiegen. Die Anzahl der Verkaufsstände hat sich hier sichtlich vermehrt. Langsam haben sich die einzelnen Standbeschicker, nachdem sie im Januar 1999 von den Rebellen ausgeraubt wurden, wieder hochgearbeitet, haben ihr Angebot vergrößern können.

In Aberdeen liegen den ganzen Strand entlang Baustelle an Baustelle. Es können nicht nur das UN-Kontingent sein und die Briten, die Kaufkraft ins Land gebracht haben und die Vision für ein gutes Geschäft. Friede heißt auch erhöhter Bedarf an Hotelkapazität. Und hier gibt es offensichtlich Investoren, die auf den Frieden in Sierra Leone setzen und am Strand investieren.
Das ist eine der marktwirtschaftlichen Seiten des Landes, wie sie in Aberdeen sichtbar wird, wie sie von den wenigen Reichen im Lande und den Ausländern genossen wird. Doch ist das eine "Überwelt" von Sierra Leone.

Das Land selber wird von den "Firmenschildern" unzähliger Hilfsorganisationen geprägt. Ganz neu in der Fort Street "Häuser für Afrika", offensichtlich eine deutsche NGO, wie Wohlfahrtsorganisationen in der hiesigen englischen Abkürzung heißen. Das, was in den Ländern der westlichen Welt Produktionsbetriebe und Firmen sind, sind hier die NGOs. Sie sind die Arbeitgeber, die Impuls- und Geldgeber für das Land. Leider liegt die eigene Wirtschaftskraft bei fast Null.

Die Machete habe ich in Taiama in dem Projekt für Behinderte für 2.000,-- Le gekauft. Dafür bekomme ich in Freetown gerade mal ein HOLSTEN in der Dose aus Hamburg, und sie steht in keinem Vergleich für die Arbeit des Schmiedes, der aus einer Auto-Blattfeder diese Machete gefertigt hat.

Sierra Leone hat noch einen weiten Weg zu gehen und muß leben und überleben in der Schere von Machete für 2.000,-- Le aus Taiama und dem fabrikneuen Mercedes Benz in Freetown.
Die Zeit der Vorbereitung auf die Parlamentswahlen im Mai, wird ein Test für die dauerhafte Stabilität des Landes sein.

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Eckard M. Geisler

CVJM-Bundessekretär für Weltdienst
und Internationale Beziehungen

CVJM-Westbund , Postfach 202051, 42220 Wuppertal
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