Impressionen von der 16. Weltrats-Tagung
in Durban, Südafrika 2006
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Hoffnung wider aller Realitäten
Bisher war für mich HIV/AIDS eher ein akademisches Thema: HIV/AIDS-Aufklärung in Deutschland, jedes Jahr die statistischen Zahlen in der Presse, wie sich diese "Seuche" in der Welt weiter und weiter ausbreitet, dass der afrikanische Kontinent südlich der Sahara besonders schlimm betroffen ist und dass es in beiden Partnerverbänden des CVJM-Westbundes, den YMCA in Sierra Leone und Ghana Aufklärungsprogramme für Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt.
Mit der Studienfahrt nach Richmond, gut 100 km von Durban entfernt im Hinterland liegend, ist dieses Thema für mich unerwartet lebendig geworden. Richmond steht für einen von vielen Orten in Südafrika, in denen in der Endphase der Apartheid, instrumentalisiert von den weißen Machthabern, Schwarze gegen Schwarze gehetzt wurden, um deren politische Macht zu schwächen. Das Ergebnis waren Mord, Massaker, Zerstörungen und Obdachlosigkeit. Bis heute seien die Auswirkungen von damals zu spüren. Die Menschen vertrauen einander nicht mehr. In dieser Situation haben sich Pfarrer der örtlichen afrikanisch christlichen Gemeinden zu einen Konvent zusammengeschlossen, mit dem Ziel, in das Gemeinwesen hinein wenigstens christliche Einheit zu demonstrieren und konkrete und praktische Zeichen von Versöhnung und Lebenshilfe anzubieten. Und die sind dringend erforderlich in dieser armseligen und trostlosen Ortschaft, in der Arbeitslosigkeit und Armut die Oberhand haben und in der die Pfarrer wegen HIV/AIDS mehr Zeit auf dem Friedhof zubringen, als in Gottesdiensten.
Heute sind sie wieder in einer Schule in Richmond zusammengekommen. Gemeinsam mit einigen älteren Frauen singen sie, beten sie und hören auf Gottes Wort. Wir, die wir im Verlauf hinzukommen, werden mit hineingenommen in die Andacht. Gesangbücher sind nicht notwendig. Die Chorusse in örtlicher Sprache und in Englisch lassen sich leicht mitsingen und haben die besondere musikalische Dynamik dieses Landes. Unglaubliche Lebens- und Glaubensfreude strahlt der alte hagere weißhaarige Pfarrer aus. Er ist wohl der älteste in dieser ganzen Versammlung.
Auf einem Tisch steht eine große dicke Kerze. Sie trägt als Dekoration die rote AIDS-Schleife. Diesem Symbol bin ich in diesen Tagen an vielen auch unerwarteten Orten begegnet. Eine Kirche bekennt sich ganz bewusst als "HIV/AIDS-freundlich", was deutlich gegen die Ausgrenzung der Infizierten steht. In einem Park schmücken diese Schleifen die Laternenmasten. An einer neuen Baracke, einem Gemeinschafts-zentrum in Richmond, bietet ein großes Schild einen kostenlosen AIDS-Test und Beratung an. - Die Kerze in diesem Gottesdienst brennt nicht. Noch steht sie "leblos" da. Dann werden kleine Kerzen allen Mitfeiernden überreicht. Wir sollen unsere kleinen Kerzen an der Großen anzünden, weil Jesus selber das Licht ist in der Dunkelheit und Traurigkeit dieser Tage. Es soll hell und warm werden trotz des Sterbens und des infiziert seins. Ja - dunkel ist es in vielen Familien, in denen beide Eltern an AIDS gestorben sind, Familien, in denen nun die älteren Geschwisterkinder Elternpflichten übernehmen müssen, Familien, die nicht wissen, ob sie am Abend etwas essen werden können. - Und ich bin hier, bin genau hier, wo das real stattfindet, wo das täglich brutale Realität ist, was für mich bisher nur ein theoretisches Thema war, etwas vom Hören-Sagen.
Zufällig ist Alice Petterson, die stellvertretende Weltbundpräsidentin aus Dänemark bei unserer Studientour dabei. Sie wird gebeten, die große Kerze anzuzünden. Ubuntu: "Ich bin - weil ihr seid", hat es in diesen Tagen immer wieder geheißen, als Definition von Selbstverständnis, Gemeinschaft und Miteinander. Und jetzt höre ich dieses neue und tiefe Ubuntu: "Ich bin - weil Du bist!" - "Ich bin - weil Du, Heiliger Gott, bist!" In diesem Vertrauen erstrahlt die dicke Kerze und in diesem Vertrauen entzünden wir an ihr die unseren. Und es wird merklich wärmer an unseren Händen und merklich heller in dem einfachen Klassenraum. Hoffnung wider aller Realitäten.....
Eckard M. Geisler