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Corona - Zurück auf Los

Artikel „Zurück auf Los“

Inzwischen haben sich unzählige Studien und Erfahrungsberichte mit den Folgen, welche die Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche hat, beschäftigt. Wir wollen aber nicht nur den Status Quo aufzeigen, sondern vor allem beleuchten, was dies für uns als Ehren- und Hauptamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit praktisch bedeutet. Wir wissen, dass das nicht auf alle Teilnehmenden unserer Gruppen und Freizeiten zutreffen wird, aber sehr wahrscheinlich auf einen Großteil. Nichts von dem, was wir andenken, ist besonders spektakulär und neu, aber wir möchten auf ein paar Dinge hinweisen, die nützlich sein können:

 

Beziehungen

Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen war über einen langen Zeitraum weder in der Schule noch in Sportvereinen, Musikschulen, konfessionellen Jugendgruppen oder in Häusern der offenen Jugendarbeit. Freizeiten und Klassenfahrten haben nicht stattgefunden, es gab kaum Möglichkeiten, sich mit mehreren Gleichaltrigen zu treffen.

Kinder und Jugendliche müssen wieder neu den Umgang mit anderen und sich selbst in einer Gruppe lernen. Auf einmal wieder mehr als zwei oder drei andere um sich zu haben, fordert von allen ein höheres Maß an Aufmerksamkeit und ist anstrengender als vor der Pandemie. Die Rollen in Gruppen werden neu ausgehandelt werden, weil Teilnehmende und Mitarbeitende sich länger nicht begegnet sind und weil wir alle uns deutlich verändert haben.

Für Mitarbeitende bedeutet das, dass – selbst wenn es auch während der Pandemie Kontakte gab – ein Miteinander wieder geübt werden muss. Es wird wieder neu verhandelt werden müssen, welche Regeln gelten und wie zum Beispiel „Jungschar“ ab jetzt gut funktionieren kann.

65% der Befragten der JuCo 2 Studie fühlen sich von der Politik nicht ernst- oder auch nur wahrgenommen und auf ihre Rolle als Schüler:innen reduziert. Das ist unsere Chance Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass sie uns, dass uns ihre Meinung wichtig ist. Partizipative Ansätze, also ein größtmögliches Maß an Mitbestimmung in relativ klaren Strukturen wird dabei helfen. Klare Strukturen deshalb, weil das Gefühl der Unsicherheit, einer generellen Zukunftsangst, bei über 75% der Befragten stark bis sehr stark ausgeprägt ist. Alles, was Sicherheit geben kann, ist wichtiger denn je. 

Fazit: Da ist eine hohe Ambivalenz zwischen den Bedürfnissen nach Struktur und Autonomie in unseren Kindern und Jugendlichen. Wir werden viel neu verhandeln müssen.

 

Geistige und körperliche Beweglichkeit

Menschen brauchen Impulse auf verschiedenen Ebenen/ in verschiedenen Formen, um sich zu entwickeln. Die Vielfalt dieser Impulse war im letzten Jahr deutlich eingeschränkt und infolgedessen haben geistige und körperliche Leistungsfähigkeit der meisten Kinder und Jugendlichen abgenommen. Die Müdigkeit gegenüber allem digitalen ist groß, die Konzentrationsphasen werden kürzer, soziale und motorische Kompetenzen habe sich verschlechtert, die Anzahl der Schulabbrüche hat zugenommen und auch die Schere zwischen Arm und Reich ist deutlicher geworden.

Für Mitarbeitende bedeutet das, dass Spiele, Andachten, Bibelarbeiten, … auf den neuen Wissensstand und das Können angepasst werden müssen. Gerade kognitiv Schwächere brauchen Erfolgserlebnisse in Bereichen, die im Homeschooling nicht vorgekommen sind.

Auf der einen Seite beschrieben Jugendliche, dass die Anzahl ihrer Freundschaften zurück gegangen ist, auf der anderen Seite aber auch, dass bestehende Freundschaften mehr Tiefgang bekommen haben. Ein Zitat aus der Studie der Bertelsmann-Stiftung: "Zu viel Zeit zum Nachdenken, zu wenig Personen um darüber zu sprechen"

Für Mitarbeitende bedeutet das, dass Kinder und Jugendliche verlässliche Vertrauenspersonen brauchen, die Zeit haben, mit Ihnen zu reden, die Räume aufmachen, in denen gesagt werden kann, was sie gerade beschäftigt.

Fazit: Junge Leute werden an so vielen Stellen bewertet, wir müssen Räume bieten in denen sie sich nicht als defizitär erleben.

 

Mitarbeitende in der Kinder- und Jugendarbeit

Auch Mitarbeitende stehen vor der Herausforderung wieder neu anzufangen und sich im Vorfeld die Frage zu stellen: „Will ich das?“ Es ist die Sorge von vielen Verbänden und Gemeinden, eine latente Angst der Vorstände, Eltern und Teilnehmenden: „Was, wenn die Mitarbeitenden nach der Zwangspause keine Lust mehr auf Jungschar, Jugendkreis und Freizeit haben?“ Und was, wenn daran die Vereine in ihrem Zweck scheitern?

Die Studie „Zivilgesellschaft in Zahlen“ hat Interviews mit Vertretern verschiedener Verbände geführt, unter anderem mit Personen aus dem kirchlichen bzw. religiösen Bereich. Ein Ergebnis war, dass der Wegfall der Gemeinschaft als Ausübungsort der religiösen Praxis das spirituelle Bedürfnis vor allem Engagierter stark einschränkt. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene sind auf Gemeinschaft angewiesen, um Glauben erleben zu können und diese Gemeinschaft kann eben auch im Mitarbeitendenteam erlebt werden.

Für uns bedeutet es das gleiche, wie auch für unsere Kinder und Jugendlichen: Mitarbeitende ernst nehmen. Sie sind nicht nur diejenigen, die die Arbeit machen und damit jetzt wieder anfangen, sondern die, die auch Unsicherheit, Lethargie, Hilflosigkeit und Einsamkeit erlebt haben. Wenn wir es nicht geschafft haben – aus welchen Gründen auch immer – Kontakt zu halten und Gemeinschaft zu erzeugen, dann ist es jetzt fünf vor zwölf dafür.

Motivation für jede Form von Engagement entspringt einem Gefühl und einem Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, der Überzeugung etwas tun und damit etwas bewirken zu können. Die Wahrnehmung dessen kann nach Bandura (1997) von vier unterschiedlichen effektiven Quellen abhängen:

Physiologische Zustände: Wie fühle ich mich? Bin ich aufgeregt, nervös, rast mein Puls? Je besser ich mich fühle, desto größer ist mein Vertrauen in meine Kompetenz.

Soziale Überzeugung: Was sagen andere über mich? Zuspruch von außen kann das Vertrauen in die eigene Kompetenz steigern, sie müssen allerdings auch mit der Realität übereinstimmen.

Modelllernen: Was tun andere? Wenn ich erlebe, wie eine andere Person mit ähnlichen Kompetenzen eine Aufgabe bewältigt, kann ebenfalls Selbstwirksamkeit und das Gefühl aus, das Gleiche erreichen zu können entstehen.

Eigene Erfahrungen: „Was habe ich schon geschafft?“ - Erfolge, die ich selbst erreicht habe, haben den wichtigsten Einfluss auf die Ausbildung der Selbstwirksamkeit und die Erinnerung daran, kann helfen, sich auch die Fähigkeit zuzuschreiben, auch zukünftig handlungsfähig zu sein. Sie ist ein Faktor, welche die Widerstandsfähigkeit – die Resilienz – beeinflussen kann.

 

Was bedeutet das für uns als Verantwortliche:
Alles in allem ist es eine Frage der Aufmerksamkeit und einer Beziehungsebene, die es möglich macht, miteinander offen zu reden.

Weiß ich – oder jemand anderes aus dem Vorstand - , wie es jedem einzelnen aus dem Mitarbeitendenteam geht? Was kann ich tun, um dem Team wieder ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu geben? Und wie reagiere ich darauf, wenn Mitarbeitende aussteigen wollen?

Für Mitarbeitende bedeutet das, dass wir in Bezug auf unsere Teilnehmenden genauer hinschauen müssen. Was brauchen unsere Teilnehmenden? Haben sie sich verändert und wie können wir darauf reagieren? Gibt es Teilnehmende, die nicht mehr auftauchen und wer geht hin, lädt sie ein oder fragt nach?

Es heißt aber auch, unsere eigenen Grenzen im Auge zu behalten und zu fragen, was kann ich leisten und was brauche ich?

„Achtsamkeit“ ist in den letzten Jahren schon fast Mode- und Lifestyle-Begriff geworden, aber die zugrunde liegende Aufmerksamkeit gegenüber mir selbst, meinen Grenzen und Möglichkeiten, ist für uns als Mitarbeitende so notwendig wie die Aufmerksamkeit gegenüber denen, die uns anvertraut sind.

 

Johannes Blöcher-Weil, Andreas Form, Kerstin Möller